Tag 8: Früher war nicht alles besser...

Starnberg, im Zug:

Helge und Sophie tummeln sich mit den Menschen und Mitarbeitern der Starnberger Tafel, ich darf für ein paar Tage Heimaturlaub nach Berlin. Das Navi leitet uns mit der Kirche ums Dorf, mit quietschenden Reifen halten wir kurz vor knapp am Bahnhof. Rausspringen, mit Sack und Pack auf den Bahnsteig rennen – kein Fahrkartenautomat zu sehen. Und dann nur einer, der regionale Fahrkarten verkauft.

Eine weißhaarige, freundliche Dame erklärt mir, wie das hier mit der „Streifenkarte“ funktioniert und wie ich in München umsteigen muss. Trotz der Hektik muss ich lächeln: Ist das normalerweise nicht anders herum, dass die Jüngeren den verzweifelt tastendrückenden Älteren am Automaten erklären, wie das läuft? Die Dame nimmt mich mit auf ihre Karte und an die Hand, ich zahle ihr im Zug das Geld zurück, sie besteht auf Rückgeld, wir kommen leicht und locker ins Gespräch.

Sie will zur Ausstellung eines Karikaturisten nach München, von dem sie am Morgen in der Zeitung gelesen und sich „köstlich amüsiert“ hat über die Bebilderung. Dafür habe sie Muße, denn sie sei Rentnerin, „jetzt schon im 20. Jahr“. Sie wirft mir ein Lächeln zu, ein Strahlenkranz aus feinen Falten legt sich um ihre Augen. Ich rechne. Wenn sie etwa 60 war, als... dann ist sie jetzt... schon 80? Kann das sein, eine so offene, geistig und körperlich fitte Frau? Kein Zeichen von nachlassendem Denken, von Müdigkeit, von Bitterkeit, die einige Rentner auszeichnet. Kein „Früher war alles besser“. So möchte ich auch alt werden.

Apothekerin sei sie gewesen, erzählt sie auf meine Nachfrage. „Mein erster Arbeitstag: 1. April 1945. Das war eine andere Zeit! Wir haben noch alle Tinkturen und Zäpfchen selbst hergestellt. Es war schwer damals, die Rohstoffe zu besorgen, aber auch sehr spannend. Später wurde das Handwerkliche dann immer weniger und die Bürokratie immer mehr. Eigentlich wollte ich ja Kunstgewerbe lernen, meine Kunstlehrerin am Gymnasium meinte, “na ja, mit viel Fleiß kannst du das schaffen“. Sie macht eine leichte, wegwerfende Geste mit der Hand und lächelt ob ihrer fehlenden Begabung. „Von Kunst hätte ich nach dem Krieg sowieso nicht leben können. Also gut, dann habe ich es meinen Eltern recht gemacht und bin Apothekerin geworden. Auch ganz schön. Ganz wichtig war ihnen und mir: ein Beruf, der nicht von der Politik abhängt. Keiner, in dem du Spielball wirst“.

Ich staune. Na klar, so kann man es auch sehen. Kein Gerede von „wir haben es nicht gewusst“. Eine junge Frau, die pragmatisch und hellsichtig ihre Konsequenzen aus der NS-Zeit zieht. Die nichts entschuldigt, nichts rechtfertigt, sondern die sich unspektakulär ihren Weg sucht. Abseits des Einflusses von Politik, aber nicht unpolitisch, privat, aber offenbar nicht weltabgewandt. Eine junge Frau, die als alte Frau plaudernd mit einer jungen Frau im Zug sitzt und aufgeweckt über Gott und die Welt redet. Über die Neubauten, die vor dem Zugfenster vorbeiziehen – „Also so was von fantasielose Klötze, diese Häuser, schade um die vertane Chance!“ – oder über die pfiffigen Trailer („Wie nennen Sie das? Ich sage immer Vorspann dazu“), die ihr auf arte so gefallen.

München Hauptbahnhof, ich muss aussteigen. „Schade, was die Autofahrer so alles verpassen!“, sagt sie zum Abschied. „Ich finde meine Monatskarte wunderbar. Da kommt man so schön ins Gespräch mit den Menschen“. Wir geben uns die Hand. „Ich heiße übrigens Miriam“, sage ich. „Und ich bin Rita“, antwortet sie. Die Kriegs- und Rentnergeneration hat für mich heute einen anderen Namen und ein neues Gesicht bekommen. Eins mit feinen, strahlenden Lachfältchen um die Augen.