Tag 8: Der schönste Tag der Woche

Edith Clemm, die 72jährige Leiterin der Tafel, beeindruckt mich – Woche für Woche macht sie diese Arbeit, sammelt Lebensmittel ein, verteilt sie und hat immer ein Wort für jeden hier. „Donnerstag ist der schönste Tag der Woche“, erzählt uns einer. Er bekommt nicht nur Lebensmittel, sondern tauscht sich mit den Anderen aus, findet Rat und hat das Gefühl, hier wahrgenommen und akzeptiert zu werden.
„Manchmal gehe ich mit ihnen auf die Ämter und zum Arzt, wenn sie Hilfe brauchen. Sie sind auch bei mir zu Hause immer für ein Gespräch willkommen“.

Edith Clemm lacht und erzählt mir eine Geschichte über eine Schulfreundin ihrer Enkelin. Die beiden Mädchen hatten bei der Tafel geholfen und viele Bedürftige kennen gelernt. Einem von Ihnen ist die Schulfreundin später wieder begegnet, mitten im schönen Starnberg. Sie ging auf ihn zu, hat ihn mit Namen begrüßt. Was hat sie denn mit dem zu tun, dachte die Mutter und fragte: „Woher kennst Du den Mann?", „Den kenn ich von Frau Clemm!“, sagte das kleine Mädchen freudestrahlend.

Frau Clemm sieht die Tafel heute auf dem richtigen Weg, mehr Aufmerksamkeit auf die Armut in ihrer Stadt zu lenken. „So kann es schließlich nicht bleiben, wenn andere Leute hungern“, sagt sie mir im Gespräch. Sie hat den Krieg und Entbehrungen noch erlebt und denkt bewusster über Dinge nach, die für uns selbstverständlich geworden sind. Edith Clemm weiß, wie es sich anfühlt, verzichten zu müssen. Wenn es mehr als genug Nahrungsmittel gibt, wie kann es dann sein, dass in einem Sozialstaat manche Menschen auf Lebensmittelspenden angewiesen sind? Sie kann und will diese Form der Armut nicht akzeptieren.

Das, was sie sagt, beschäftigt mich sehr. Nachdenklich und auch ein wenig schlapp von der Arbeit und den vielen Eindrücken des Tages machen wir uns auf den Weg in die nächste Stadt, zur nächsten Geschichte.