Tag 6: Perspektive 2.0 am Busen der Natur

Also, ich mag Bauern. Eigentlich. Früher, als Kind, haben wir oft bei einem frische, unbehandelte Milch geholt, und seither löste dieser strenge Geruch von Kuhstall, der vielen anderen Brechreiz verursacht, in mir immer nostalgische Gefühle von Kindheit und einer heilen Welt aus. Später, nach dem Abitur, ging ich für drei Monate auf eine biodynamische Farm in East Troy, Wisconsin, USA, und musste dort jeden Morgen um halb fünf die Kühe melken, und selbst das wenig romantische Morgenritual, auf leeren Magen ein von Kuhdung vollgesogenes Schwanzende beim Anmelken in die Augen geschlagen zu bekommen, konnte mich von meiner Affinität zur Landwirtschaft nicht befreien.

Frühkindlich verankerte Emotionen sind eben schwer zu lösen. Aber, unmöglich ist es nicht: Bei mir passierte es im vergangenen Jahr, als allabendlich wütende Bauern auf meinem Bildschirm aufzogen, ihre verunsicherten Tiere durchs Brandenburger Tor jagten und Milch hektoliterweise in den Gulli kippten. Mit einer für mich völlig unerklärlichen Selbstverständlichkeit riefen sie mir zu, ich hätte die Pflicht, sie zu retten. Aufgebrachte Bauern forderten und drohten und fluchten, und plötzlich, wie ich da so vor meinem Fernseher saß, merkte ich, dass sie mir unsympathisch geworden waren, meine einst so lieb gewonnenen Landwirte.

Vielleicht war ich geizig. Vielleicht ignorant. Vielleicht herzlos. Jedenfalls habe ich es auch über endlose Proteste und immer lauteres Gebrüll und immer wieder aufs Neue aufgesagte Floskeln dieses einen Milchbauernverbandsfunktionärs, den ich über Monate häufiger sah als meine eigene Freundin, nicht verstanden, wann den Bauern das Recht auf Bestandsgarantie zugesprochen worden war. Warum sollten sie im Gegensatz zu Werftarbeitern, Stahlkochern und Bergarbeitern vor dem Markt geschützt werden, auf dem Angebot und Nachfrage den Preis regeln?

Ja, es ist traurig, wenn man unter hiesigen Bedingungen nicht mehr von dem Ertrag des Hofes leben kann, ja es ist traurig, wenn auf den am Autobahnrand vorbeiziehenden Weiden keine Kühe mehr wiederkäuen, ja es ist traurig, wenn wir uns im Falle eines plötzlich aufziehenden Weltkrieges nicht mehr autark versorgen können, ja es ist traurig, wenn die Bauernhöfe nur noch in meinen Kindheitserinnerungen leben. Aber wie will mein Milchbauernverbandsfunktionär erklären, dass die Dritte Welt weiter vom Marktzugang ausgeschlossen, ökologische Fragen weiter ausgeklammert, Hartz IV weiter gekürzt und Krankenhäuser weiter geschlossen werden, damit nur unsere Bauern die Milch nicht länger in den Rinnsteig kippen?

Einfach nur theatralisches Habenwollen ist mir irgendwie zu selbstgerecht. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass die Bauernlobby in unserem Land/auf unserem Kontinent einfach viel zu lange verwöhnt worden ist - für Nostalgie alleine mag ich mein Portemonnaie nicht zücken. Gern für bessere Qualität oder bessere Haltungsbedingungen für die Tiere oder umweltverträglichere Produktion. Insofern führt der Weg des Protagonisten aus unserem Film in die richtige Richtung. Statt Massenhaltung von Milchkühen setzt er inzwischen auf naturnahe Produktion hochwertigen Rinderfleisches. Und macht mir die Bauern damit wieder ein ganzes Stück sympathischer.

15.10.2009 | Axel Dörken

Ich erlebte es ähnlich wie du. Nun erlebe ich es anders, weil mir die Landwirtschaft noch immer am Herzen liegt.

Ich sehe es, wie du, wenn du schreibst, dass Bauern keine bevorzugte Gruppe sein sollen. Und da ich meine, dass es allen leichter gemacht werden sollte, bitte ich um die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE). Faierer und humanerweise als erstes in den Drittländern unserer Welt und dann, irgendwann, wenn der Wohlstand für alle gehoben ist, sehr gerne auch bei uns.

Dann können Bauern Bauern bleiben und Werftarbeiter Werftarbeiter.

Und Opelaner haben sich zu recht einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. Wer Möglichkeiten stumpf verpennt, der kann aufgefangen, aber dessen Arbeitsplatz solte nicht auf Kosten anderer gerettet werden.

Monopol und Subventionspolitik gehören abgeschafft und ein zeitgemäßes Sozialsystem installiert, was sowohl zur Eigeninitiative als auch zur Hängematte einlädt, anstatt mit Druck zur Hängematte zu drängen. - Nur so ist eine soziale Marktwirtschaft möglich, meine ich.

Liebe Grüße
Axel