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Tag 6: Käpt'n Blaubär in Bayern
Ein altes, großes Gasthaus in Bayern: Federbettdecken, knarrende Dielen, Kornähren in Krügen. Eine unserer Zwischenheimaten auf der Tour. Die anderen sind drehen, Jimmy und ich schneiden. In einer Kaminecke des weitläufigen Hauses richten wir uns nachmittags ein. Computer, Festplatten, Wasserflaschen, Kabelgewirr und zwei Paar Augen.
Schuhe aus und los geht's: Material sichten, O-Töne in die Timeline, wieder sichten, frickeln, Bilder suchen, Reihenfolge und Aussage diskutieren, basteln. Stundenlanges Auf-den-Bildschirm-Starren. Kreatives und irgendwie auch stupides Arbeiten. Unterbrochen nur von Plaudereien (das Leben, die Kinder, die Arbeit) und Grundbedürfnissen:
Hunger! Im Restaurant unten bestelle ich Deftiges: Schweinebraten mit Semmelknödeln für Jimmy, Spätzle mit Hirschgulasch für mich. Vorab gibt es Salat, knackig und frisch. Die Kiefer krachen, die Augen kleben weiter auf dem Bildschirm. Dann kommen Teller von Ausmaßen eines Wagenrades. Halb in Trance kämpft Jimmy mit seinem Mega-Semmelknödel, nebenher tippt er seine Geheimcodes mit Schneidebefehlen ein - die Short Cuts, die ich mir immer merken will und es dann doch vergesse. Bunte Fenster ploppen auf und wieder zu und meine Spätzle sind irgendwann wie von Geisterhand vom Teller verschwunden. Sichten, schneiden, umsortieren. Die Augen kleben weiter auf dem Bildschirm. Hm, ein letzter Pfifferling. Der Hunger ist längst gestillt. Jetzt geht es um Abwechslung zum öden Vorm-Bildschirm-auf-dem-Hintern-Sitzen. Der Kampfsport-Teil des Abends beginnt.
Nachtisch? Klar doch. Apfelstrudel mit Vanilleeis, ich handele mit dem Koch noch Schlagsahne und Schokosauce aus. Immerhin ein paar Stufen nach unten in die Küche und wieder hoch. Bewegung! Der Beitrag nimmt langsam Form an, unsere Bäuche auch. Ich fühle mich wie Käpt'n Blaubär auf der Gourmetinsel, die den Gestrandeten ein ganzes Jahr mit den verführerischsten Leckereien verwöhnt: Blütenblätter, die wie Honigtoast schmecken, Kakaobäche, aus denen man nach Herzenslust schlürfen kann. Der Seebär wird kugelrund und die Insel entpuppt sich am Ende als raffinierte, fleischfressende Pflanze, die ihn verspeisen will. Deus Ex Machina, der Flugsaurier, erscheint in letzter Sekunde und rettet ihn. Und wir?
Die Kellnerin kommt und räumt den geschirrübersäten Tisch ab. Kaffee? Gerne. Und eine Apfelschorle. Sagen Sie mal, hätten Sie noch...?
Gott sei Dank macht die Küche irgendwann zu. Die Sperrstunde, unser Deus Ex Machina. Jimmy und ich schneiden weiter. Tiefe Nacht in Bayern. Friede über den Hütten und in den Gasthäusern. Dann fällt mir leider ein, dass wir im Kühlschrank des Wohnmobils ja noch Schokolade, Obst und Kekse haben...

15.10.2009 | Weise essen
Hai Miriam,
wer sich gesund ernähren möchte, und dabei weise vorgeht, der ißt mit Ruhe und Genuss. Vielleicht mit einer Segnung des Essens vorab oder einem Dankgebet. Vieleicht mir einer angesteckten Kerze auf dem Esstisch und einer Blume daneben. Die Gedanken beim Essen. Wie fühlt sich was an? Wie schmeckt was? Dankbarkeit ausleben, das essen zu können, was gegessen wird. Egal, was es ist. Wer diese Weisheit auslebt, lebt gesünder, denke ich.
Wer diese Weisheit nicht auslebt, glaube ich, wird es irgendwann merken. Meißt erst nach Jahrzenhnten. Dann, wenn der Körper mit Krankheit darauf aufzumerken sucht.
Liebe Grüße
Axel