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Tag 4: Starfotograf mit Zukunftssorgen
Aufruhr im Hörsaal. Unmöglich, was der Professor da von uns Studenten verlangt. Wir sind ja für vieles offen, aber das geht nun wirklich zu weit! Gerade hat er verkündet, in Zukunft keine handschriftlichen Hausarbeiten mehr anzunehmen, als angehende Kommunikationswissenschaftler sollten wir doch bitte zeitgemäß ein Textverarbeitungsprogramm nutzen.
Was sich im Grundseminar vor 20 Jahren abspielte, scheint heute absurd. Wir leben im Informationszeitalter und haben uns inzwischen daran gewöhnt, dass die digitale Revolution unsere althergebrachte Welt umwälzt wie ein Quirl - täglich von neuem.
Das Berufssterben pflastert unseren Weg: Zuerst verschwanden die Schreibkräfte, die meine Handschriften auf Schreibmaschinen abtippten. Dann ging es den Tonmeistern an den Kragen – während meines Praktikums beim Radio hatten sie noch die mit dem Kassettenrekorder gesammelten O-Töne auf dem sogenannten „Schnürsenkel“ geschnitten, nun aber entstanden Computerprogramme, die so einfach zu bedienen waren, dass ich meine Beiträge bald in Datenform selbst schneiden musste. Heute sehen Kameraleute schwarz, weil HD-Videokameras mit Bildstabilisatoren und Autofokus so verlässlich sind, dass sogar technisch völlig unterbelichtete Reporter ihre Fernsehbilder gleich selbst drehen sollen.
„Keine Sorge“, sagt das Lehrbuch, „Ganz normal, dass durch technischen Fortschritt Berufsgruppen oder sogar Branchen überflüssig werden. ‚Strukturwandel’ nennt man das.“ Aber was machen Kürschner, König, Kanonier, Kutscher, Kohlekumpel und Kaltmamsell heute? Wenn die Welt sich ans Lehrbuch hält, haben sie umgeschult auf Berufe, die die moderne Gesellschaft noch braucht und sind jetzt Konjunkturexperten, Kommunikationsdesigner, Karaokemaschinenverleiher, Kanzlerkandidaten und Klimaforscher. Kann aber auch sein, dass sie im Callcenter gelandet sind.
Vor Abstürzen ist niemand gefeit. Wir treffen heute einen Fotografen, der vor 20 Jahren zu den Besten gehörte, exklusiv um den Globus jettete und auf Du und Du war mit den Schönen und Reichen. Inzwischen ist er einer von vielen und muss sich gegen Heerscharen von weltweit agierende Hobbyknipsern behaupten.

13.10.2009 | Danke Helge
Tolle Texte, die ich bisher von dir las.
Liebe Grüße
Axel