Tag 3: Zirkushelden machen Schule

Telefonklingeln, wo sind wir nochmal, warum klingelt es, ach so, hab ich gestern wohl so geregelt, ängstlicher Blick auf die Uhr, 6. Um mich: Hotelzimmer. Ach so ja, Stuttgart. "Aufstehen, Schule", hat mein Vater früher immer gerufen, wenn es Zeit wurde. Heute ruft es die Rezeption durchs Telefon. Wir müssen zur Schule.

Also ich bin in der 11. Klasse sitzengeblieben. Irgendwie hatte ich zu viele Fünfen. Später war ich plötzlich ein guter Schüler. Was sich verändert hatte, war mir erst gar nicht klar. Keine Angst vor erneutem Versagen oder Lehrerautorität war dazu gekommen und keine Begeisterung für gute Schulnoten oder eine neue Mitschülerin, die es zu beeindrucken galt. Was alles veränderte, war eine Begegnung im Zug in den Sommerferien auf einer Interrailreise. Ich hatte einen Philosophen kennengelernt, und ein Funke war übergesprungen, und von einem Tag zum anderen hatte ich Lust bekommen auf Wissen - die Schule war mir plötzlich kein Ort mehr, wo man gegen seinen Willen Fakten lernen musste, sondern eine Chance, die Neugierde auf das Leben auszutoben.

Bestimmt ist das ne alte Leier für hauptamtliches Leistungssteigerungspersonal - "Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer". Aber lebt man das in unseren Schulen? Lust auf das Leben und Glaube an die eigenen Stärken - das ist das wichtigste Kapital, das mitgegeben werden kann auf dem Weg in die Zukunft. Jawohl, hier sind sicher am meisten die Eltern gefragt. Aber in einer Sozialen Marktwirtschaft kann sich auch Vater Staat nicht ganz aus der Verantwortung stehlen. Und wenn man so hört, wie es in unseren Schulen in puncto Leistungsdruck und Lehrplanpensum so zugeht, dann scheint seit Feuerzangenbowlen-Tagen nicht wirklich viel gelernt worden zu sein von denen, deren Beruf das Lehrenlernen ist. Es gibt wichtigeres als Bruchrechnung und grammatikalische Präzision. Freude am Lebenlernen nämlich. Und es macht ein bisschen Hoffnung, dass in einer kleinen Hauptschule, da, wo sie alles können außer Hochdeutsch, ein paar Leute genau das umsetzen.