Miriam Janke

Tag 29: Auf dem Zahnfleisch

Okay, jetzt reicht’s. Vier Wochen durchs Land touren, jede Nacht in einem anderen Bett schlafen, 15-Stunden-Tage voller neuer Eindrücke und Menschen, das macht Spaß - und ist anstrengend. Jetzt kann ich nicht mehr. Ich schleppe mich die mal 99, mal 101 Stufen hoch, je nach Geisteszustand beim Zählen.

Wir haben uns für den Endspurt bei Dirk eingenistet, dem Regisseur, und verdammt noch mal, warum muss der im letzten Stock ohne Aufzug wohnen? In weiser Voraussicht habe ich am ersten Tag meine Hausschuhe mitgebracht und meinen Freunden verschwiegen, dass ich wieder in Berlin bin – es bleibt ja eh keine Zeit, sie zu treffen.

In Dirks sonnendurchfluteter Dachgeschosswohnung tummeln sich bis zu acht Menschen in verschiedenen Zimmern – wir schneiden, bloggen, besprechen um die Wette. Nach 1 ½ Tagen fühle ich mich wie in meiner Riesen-WG in Mexiko, eine große Familie. Jeder kauft ein, kocht, nimmt sich wie selbstverständlich Käse aus dem Kühlschrank und Besteck aus der Schublade – und lässt genauso selbstverständlich das schmutzige Geschirr stehen. Ein kleines Wunder, dass wir uns nicht an die Gurgel gehen, sondern kichernd scherzen und freundschaftlich unsere Tütensuppe teilen.

So kurz vorm Ziel sind die Augen eckig vom Sichten des Materials und mein Hirn setzt zeitweise aus. Ich bekomme Wutanfälle beim Schneiden und Lachanfälle beim Einsprechen der Texte – kein Wunder, es ist kurz vor Mitternacht und ich bin seit halb acht Uhr morgens hier.

Ich träume von einem freien Tag, vom Zeitung lesen in der Sonne, von unbegrenzten Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Schwimmen gehen! Ins Theater! Freunde treffen zum Kochen!

Und doch ahne ich, dass es komisch werden wird. Kein Teamwork mehr, keine Reporterträume, die wahr werden, keine Grundsatzfragen mehr stellen. Nicht mehr diesen Drive spüren, wenn man dreht und das Road-Movie-Gefühl, wenn man mit dem Wohnmobil durchs Land fährt. Und was mache ich ohne das lieb gewonnene Team, mit dem ich mehr Zeit verbracht habe als mit vielen Freunden im letzten Jahr?

Das wird wahrscheinlich so wie die Zeit nach dem Prüfungsmarathon für den Uniabschluss: Und jetzt? Wohin mit mir und dieser sich schier unendlich ausdehnenden Masse an Zeit?

Okay, gebt mir einen Monat zur Regeneration, zum Zeitung lesen auf der Terrasse, Wäsche waschen und Pflanzen gießen. Dann kann es von mir aus weitergehen mit Deutschland 24/30...