Tag 27: Von Machern und Warmduschern

So langsam spielen wir uns ein. Anfangs gingen Abläufe und Aufgabenverteilung im Team noch durcheinander wie Spagetti im Abtropfsieb, den ganzen Tag liefen wir unserem Zeitplan hinterher - keuchend im Dauersprint. Heute sind wir vielleicht vergleichbar mit der deutschen Fußballnationalmannschaft. Hier und da gelingt eine sehenswerte Kombination, oft halten wir den Ball und spielen ihn auch ab und an zurück, aber es gab auch schon mal ein Tor. Sagen wir, die Nationalmannschaft bei der EM 2001.
(Doch, doch, doch! Die der Frauen. Und die wurden Europameister. Eins zu null für mich!)

Reporterglück: Bastian Pastevka bummelt uns samt Freundin im Prenzlauer Berg vor die Kamera. Reporterpech: Bastian Pastevka samt Freundin speist uns im Prenzlauer Berg freundlich ab, ohne seine Meinung kundzutun. Dabei hätte doch so ein bisschen Showbiz unserer zur Neige gehenden Tour doch ganz gut zu Gesicht gestanden.

Viel haben wir gesehen, aber erst auf den letzten Metern haben wir die eigentümlichste Begegnung mit der Sozialen Marktwirtschaft 2009: Ein Mann auf dem Kantstein an der Prenzlauer Allee - Glatze, Schlabberhose, die Füße samt Socken in Flipflops. Nein, Starnberger Tafel war ein anderer Film. Könnte ein "Digitaler Boheme" sein, meint Miriam, mit seinem Laptop auf den Knien und dem Handy am Ohr. Aber dieser Mann trägt Verantwortung für sechzig Mitarbeiter: "ic! berlin" heißt das Brillenlabel, und der Typ im Rinnstein Ralph Anderl.

Vor zehn Jahren gebar er eine einfache Idee. Und gründete die Firma. Seither führt er durch Inspiration statt Autorität. Aber er gibt immer den Ton an, als wir heute in Form Schubertscher Liederzyklen in seinem Büro kommen, an deren Perfektionierung er seit Jahren mit professionellen Lehrern arbeitet. Morgen durch konsequentes Schweigen, weil Anderl entschieden hat, drei Tage zu verstummen, um die spirituelle Energie zu regenerieren. Er wie sein Laden: ein Mahnmal gegen jede Konvention. Als wäre der "Kleine Prinz" von seinem Stern heruntergekommen und hätte den Businessplan persönlich geschrieben: Hier darf kein ausgebildeter Designer entwerfen, kein Marketingexperte am Image werkeln und kein Model die Stücke präsentieren - all das machen ausschließlich Laien, die für ihr Unwissen die Hand ins Feuer legen müssen. Denn Boss Anderl ist überzeugt: Ahnungslosigkeit ist der beste Nährboden für Kreativität.

Wer sich wider Erwarten beschweren will oder sonst irgendeine Frage hat, muss bei "ic! berlin" garantiert nicht durch tiefe Täler von Warteschleifen und als "Hotlines" beschönigten 0180er-Kundenmelkmaschinen - Ralphs persönliche (!) Handynummer liegt jeder einzelnen verkauften Brille bei! Das Erstaunlichste an diesem ganzen Strauß von Wunderlichkeiten: Das Geschäft brummt! Fördergelder hat er nicht nötig, seine Brillen (Preis ab 250 Euro) bestücken nationale wie internationale Trendnasen von Madonna, Boss Hoss, Peter Lohmeyer, Kevin Bacon bis Samuel L. Jackson. Sein Lebensmotto: Im Bestehenden das Mögliche erkennen! Wenn das kein gutes Fazit für unsere Tour ist ...