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Tag 26: Früher Flugasche, heute Ausflugsziel
180 Tonnen Asche am Tag, die auf die eigene Stadt fallen, die Wäsche auf der Leine schwarz färben und das Atmen erschweren – ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Bitterfeld zu Ostzeiten, als Kohle der King und die Chemie das tägliche Brot war, klingt für mich wie die Öko-Hölle auf Erden.
Deswegen erscheint die Wandlung der Stadt wie ein kleines, großes Wunder: Umweltschleudern geschlossen, Boden saniert, Solarbranche hergeholt, Tagebauten zu Seen umgewandelt. Statt „Flugasche“ in der Luft – so heißt der Roman von Monika Maron, der Bitterfeld für alle Zeiten berühmt-berüchtigt gemacht hat – nun Ausflugsziele wie die Seenlandschaft Goitzsche vor der Haustür.
Ist das eine der großen Gewinnergeschichten der Wende? Ein Beispiel, wie es laufen könnte? Gar ein Vorbild für andere Regionen, die sich neu erfinden wollen?
Vor Ort sieht Bitterfeld-Wolfen (so der Name nach der Fusion mit der Nachbarstadt) dann weniger spektakulär aus, als die Story klingt: eine kleine Stadt mit nettem See, viel Industriearchitektur und viel Leerstand, mit osttypischen, braunen Häuserfassaden, öden Ecken und Menschen, die mit dem Fahrrad auf dem Gehweg durch den Ort zuckeln. Nach den Tagen auf Rügen – pittoresk, mit feinen Sandstränden und blau-weiß gestreiften Strandkörben – ist der erste Eindruck eher ernüchternd.
Blühende Landschaften hatte ich mir anders vorgestellt. Richtig schätzen, was hier passiert ist, kann glaube ich nur der, der die Stadt zu ihren Aschenputtel-Zeiten kannte. Wir Anderen bleiben Ahnungslose.
Ein Aspekt der Geschichte lässt mich auch dann nicht los, als wir mit dem Wohnmobil schon wieder gen Berlin fahren: In der Region wurden mit jeder Menge öffentlicher Gelder lebenswerte Umstände zu schaffen, aber für immer weniger Menschen. Viele Bitterfelder sind auf der Suche nach Arbeit zum Beispiel in den Westen gezogen. Lohnt sich so ein Aufwand? Darf man Staatsgelder für eine Region ausgeben, in der die Bevölkerung nicht mehr bleiben kann oder möchte?
Im ökologischen Sinne hat sich der Wandel gelohnt – am Ende des Drehtages esse ich am Seeufer Maränen, kleine Fische, die in der Goitzsche gefangen wurden.
Bitterfelds Rundumsanierung lohnt sich im wirtschaftlichen Sinne wahrscheinlich erst in einigen Jahrzehnten. Falls die Solarindustrie, die sich dort angesiedelt hat, ihre rasanten Wachstumszahlen der letzten Jahre so weit vorantreibt, dass sie der Hauptarbeitgeber der Region ist. Wenn wieder Menschen dort hinziehen. Und wenn der Wassersport bis dahin Touristen in die Region bringt. Dann wird aus der Flugasche-Stadt ein Ausflugsziel werden.
