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Tag 24: Angsthasen im sozialen Netz
Deutschland erstaunt mich immer wieder. Dieses Mal mit der Menge an Fördermaßnahmen, die es hier gibt. Abgesehen von den Klassikern wie Rente und Krankenkasse gibt es Dinge, wie kommunale Töpfe zur Kulturförderung, eine Anschubfinanzierung für Selbständige oder das Kurzarbeitergeld.
Das hatte ich bis zu unserem Dreh im Hamburger Hafen nicht wirklich wahrgenommen – ich bin weder Arbeitgeberin noch klassische Arbeitnehmerin. Als freie Journalistin fällt man aus den herkömmlichen Arbeitsstrukturen heraus (und ist potentiell immer von Arbeitslosigkeit bedroht, wenn man seinen Hintern morgens nicht hochbekommt oder keine Idee für einen Artikel hat...). Über die KSK, die Künstlersozialkasse, bin ich froh, weil sie zum Beispiel einen Teil meiner Krankenkassenbeiträge bezahlt, die ich sonst unverschämt hoch fände.
Irritierend finde ich, dass die Deutschen trotz all dieser Sicherheiten – Sozialstaatabbau hin oder her, da haben mich drei Jahre in Lateinamerika geprägt – ein Volk der Angsthasen sind. Trotz sozialem Netz, das immer noch dichter gewebt ist als in den meisten anderen Ländern der Erde, haben wir Angst vor dem Fallen. Das „Könnte“ beunruhigt uns, ich schließe mich da nicht aus.
Zum Beispiel habe ich meinen Laptop, mein Hauptarbeitsgerät, versichert – auch wenn ich nicht soweit gehen und eine Zahn- oder Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen würde (was bei einer Journalistin ja hieße, sich Verstand, Neugier und Empathie vertraglich schützen zu lassen, so wie Jennifer López das mit ihrem Hintern getan hat. Was mich interessieren würde: Wie klagt man das ein? Lässt man sich ein Attest vom Arzt geben, wenn man nicht mehr klar denken kann und den Menschen abgestumpft gegenüber tritt?)
Aber wer weiß, vielleicht kommt das alles mit dem Alter. Durch lange Schul- und Studienzeiten dauert es hierzulande eine Weile, bis man der finanziellen Pubertät entwachsen ist und sich mit sämtlichen Finessen des Steuerzahlens und Rentenanteileerwerbens auskennt. Vielleicht schlägt dann die Stunde, in der man sich bewusst wird, wie viel man eigentlich an den Staat zahlt. In der man ängstlich wird, weil man befürchtet, dass davon nicht so viel zurück kommt – denn wer behauptet heutzutage noch schadlos, dass die Rente sicher ist?
Vielleicht sind die Angsthasen ja auch nur Sparfüchse, die merken, dass ihr kollektives Sparschwein namens Staat auch Geld für Blödsinn ausgibt – der Bund der Steuerzahler kritisiert jedes Jahr wieder die Autobahnen in der Pampa und die Brücken ins Nirgendwo.
Wieder so eine offene Frage, die die Tour aufwirft. Über eine Antwort werde ich noch eine Weile nachdenken.

27.08.2009 | jochen peters
Hallo Miriam,
was die Kritik an der Verwendung von Steuergeldern angeht: der Bund der Steuerzahler ist doch ein zahnloser Tiger. Die haben, zumindest bei mir eher das Image einer Meckerbude ohne wirkliche Kompetenz. Interessant wäre gewesen, wenn Ihr mal den Bundesrechnungshof zu diesem Thema besucht hättet. Die wachen auch über die Verwendung von Steuergeldern und äußern sich konkret und z.T. auch harsch, wenn da etwas nicht stimmt.
Und was das angeblich übersteigerte Sicherheitsbedürfnis in Deutschland angeht: Ich bin der Überzeugung, das hängt immer vom erreichten Level ab. Wenn in Lateinamerika unser Wohlstandsniveau herrschen würde, hätten die Menschen dort genau so große Angst vor dem Absturz wie hier. Von der Warte aus gesehen leben wir natürlich (noch) im Schlaraffenland. Die Menschen haben ja nicht unbedingt Angst vor einem niedrigeren Wohlstandsniveau, sondern davor, dass sie ihren Familien und Kindern keine Chancen mehr bieten können, das die bekannten Aufstiegsszenarien nicht mehr wirksam sind.
In diesem Sinne: Everybody's got the right to sing the blues ;-)
jochen