Blog
zurück zur Übersicht
Tag 20: Grenzerfahrung
„Wir wollten keine Sauce“, sage ich muffelig zur dicken Frau mit fettigen, nur schwerlich von einer Netzhaube gebändigten Haaren.
„Is schon okay.“
„Nee, is nicht okay.“
„Der dahinten hat sie bezahlt.“
Sie nickt Richtung Daddelautomaten, wo ein Astra-Trinker sein piepsendes Glücksspiel für ein Lächeln unterbricht.
Irritiert schiebe ich die Pappschale zurück: „Ich will Pommes ohne Ketchup.“
Die dicke Frau rammt ein Plastikspieß mit drei Zacken in die von Sauce matschigen Kartoffelderivate hinein und schiebt sie wieder zu mir: „Nu mach ma halblang“.
Dann fischt sie mit einer Siebkelle nach einer neuen Portion Pommes, die sie in einer Plastikschüssel mit Salz bestreut und geschickt hochwerfend durchmischt. Dann füllt sie ein neues Pappschälchen.
Sie guckt uns an. Sie guckt den Typen am Daddelautomaten an. Der nickt milde. Dann greift sie mit wurstigen Fingern zu einer großen weißen Plastikflasche, aus der nun rote Soße auf den gelben Haufen prustet.
„Neeein!“, ruft Schulfreund Karsten. „Ohne Soße!“
Da spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Es ist die tätowierte Hand des Astra-Trinkers, der inzwischen zu uns an den Tresen gekommen ist und jeweils einen Arm um mich und einen um Karsten gelegt hat. „Hört mal zu Jungs, ich weiß, wie das is, wenn man kein Geld hat. Ich bin auch mal von drüben hier her nach Hamburg gekommen.“
Da wurde uns langsam klar, dass er uns für Ossis hielt, denn die Mauer war gerade vor zwei Tagen gefallen, und offenbar gab unsere, von uns selbst für durchaus modern gehaltene Bekleidung ihm Anlass zur Vermutung, sie sei im VEB entstanden. Und nun wollte uns der Mann die 20 Pfennig für die Soße auf den Pommes spendieren, weil er glaubte, wir könnten sie uns nicht leisten.
Die Szene endete im Streit, am Ende verließen wir den Imbiss ohne Sauce, aber auch ohne Pommes, und sowohl die Verkäuferin als auch der Astra-Mann schimpften hinter uns her, wir seien undankbares Pack.
Die deutsch-deutsche Vereinigung ist eine ziemlich komplizierte Sache, aber wenn man mich zwanzig Jahre später so anguckt, könnte man meinen, der Wessi sei im einig Vaterland angekommen: Ich wohne im Prenzlauer Berg, ehemals Ostberlin. Dreiviertel meiner Arbeitskollegen sind Ossis. Ich fahre im Urlaub an die vorpommersche Ostseeküste. Meine Freundin ist in der DDR geboren und aufgewachsen, unser Sohn hat also quasi eine doppelte Staatsbürgerschaft. Und ich selbst hätte mir auf Anfrage jederzeit bescheinigt, dass die vielbeschworene Wunde der Teilung in meinem Leben längst verheilt ist.
Aber als ich jetzt an der ehemaligen Grenze im Harz so herum sinnierte, fiel mir auf, dass fast alle Freunde meiner Freundin Ossis sind. Und erst dann fiel mir auf, dass fast alle Besucher neulich auf meinem Geburtstag Wessis waren. Komisch eigentlich, wo ich doch nun fast genau so lange im vereinten Deutschland lebe, wie ich vorher im geteilten.
Selbst im Mikrokosmos Prenzlauer Berg, wo wir alle unter im Vergleich zum großen Rest von Deutschland hervorragenden Bedingungen Tür an Tür leben, scheint die Teilung in manchen Ecken des Lebens fortzubestehen. Kein Wunder, dass sie in Regionen, wo der ganze Einigungsprozess große Opfer fordert, kaum überwindbar scheint. Daran wird auch eine Soziale Marktwirtschaft mit ihren Transferzahlungen nicht viel ändern.
