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Tag 2: Begegnung mit dem Ich im Chiemgau
Mein Terminplan signalisiert einen freien Vormittag, erst heute Abend steht in Landshut ein Interview mit einer Selfmade-Millionärin an, die zwar mehrere Firmen, aber kein eigenes Büro hat. Während ich über die Frage des Drehorts meditiere, rufen plötzlich die Joggingschuhe immer lauter, und lauter und lauter, bis ich endlich der Versuchung erliege. Beim Laufen wird das Gehirn durchblutet, warum sollte mir also nicht in Bewegung die Idee kommen. An überwucherten Gleisen entlang dem Wald entgegen, rechts ein Sägewerk, links ein kleines Kreuz mit Jesusfigur und roten Gedenklichterchen, windgeschützt. Dann große Bauernhäuser mit dunklen Holzbalkonen und Bumenkästen, dahinter werfen die Alpen planlos Zacken ins Himmelsblau samt Schäfchenwolken. Der Chiemgau hat sich für mich in Schale geworfen.
Nach einer Wiese nur noch dunkler Wald. Vierzig Meter hohe Tannen, sattes, grünes Moos wächst ihre Stämme empor, nur selten fällt ein Sonnenstrahl auf den weichen Boden. Gleich kommen Hänsel und Gretel irgendwo um die Ecke. Von einem Waldsee steigt ein Fischreiher auf. Der Weg ist immer schlechter zu erkennen, Farne sprießen, umgekippte Bäume vermodern, riesige Wasseransammlungen sind sich wahrscheinlich selbst nicht mehr sicher, ob sie noch als Pfütze durchgehen oder doch schon zum See geworden sind, hier ist garantiert seit Jahren niemand mehr lang gekommen.
Solche Abstecher in den Wald sind ja kulturell irgendwie besetzt, denke ich, noch immer laufend. Eremiten suchen ihn auf, die Deutschen beschwören ihn redundant als Sitz der eigenen Seele, und die katharsische Reise in ihn hinein symbolisiert irgendwie den unheimlichen, dunklen Weg zum eigenen Ich. Irgendwann wird mir mulmig. Eigentlich laufe ich seit einiger Zeit über kaum irgendwie besonderen Waldboden, wenn hier noch etwas von „Weg“ übrig ist, dann allenfalls in meiner Phantasie. Aber wie soll ich denn hier wieder raus finden? Ich sehe mich um, nichts, was auf Zivilisation hindeutete, laufe nun auf gerader Strecke zurück, in der Hoffnung, irgendwo möge sich mein alter Weg wieder zu erkennen geben.
Keine Chance. Plötzlich komme ich an eine Lichtung, hier bin ich nicht lang gekommen. Wilde Himbeeren, klein und sauer - ob die für die nächsten Wochen und Monate vielleicht meine einzige Nahrung sein werden. Halt: nicht schwarzseherisch werden. Sophie und Miriam tauchen auf, ich sehe, wie sie alleine die Millionärin interviewen, wie sie später unsere Tour allein fortsetzen, weil ich als vermisst gelte. Dann auf einmal Licht! Weiße Kühe auf einer Weide am Hang mitten im Nichts. Gleich sagt irgendein Sprecher was von Joghurt, dessen Milch von besonders gesunden Kühen kommt, ich kenn die Szene aus dem Fernsehen. Aber dann fällt mir ein: Wo Nutztiere sind, kann der Nutzer nicht weit sein, und in der Regel ist das ja der Mensch, also müsste ich doch... Fehlanzeige, wieder Wald, wieder Dunkelheit, wieder ich allein mit meinem Atem.
Da macht man sich auf die Suche nach der Sozialen Marktwirtschaft und findet sein eigenes Ich. Tztztz.

13.10.2009 | Danke!
Hallo Helge!
Ich bin erst bei Tag 17 eingestiegen und habe gerade begonnen die vorherigen Abläufe zu erleben.
Eins steht für mich fest: Ganz großer Journalismus! - Einer, den wohl immer noch nur wenige als solchen erkennen werden. Doch diese Wenigen werden immer mehr, denke ich.
Liebe Grüße
Axel