Tag 19: VEB, die Zweite

Es gibt im Leben eines Reporters viele Herausforderungen, und sehr gerne beschreibt sich ein solcher bei jeder sich bietenden Gelegenheit schmunzelnd als „eierlegende Wollmilchsau“, und erwartet von seinen Gesprächspartnern seit etwa zwanzig Jahren, das amüsant zu finden. Es gibt aber auch für Reporter ähnlich wie bei Batman Aufgaben, die sind unlösbar.

Was dem einen sein Joker, ist dem anderen das Jackpotfieber. Ab und an steht es vor einem, und noch nie ist es je besiegt worden. Einen originellen Beitrag über Jackpotfieber zu machen, ist in etwa so wahrscheinlich wie ein Siebener im Lotto.
Deshalb sehen Jackpotfieberbeiträge alle gleich aus: a) Menschen, die Kreuze auf Lottoscheine machen, inklusive Nahaufnahme, b) weiße, nummerierte Kugeln, die in durchsichtige Plastikröhrchen fallen, und c) eine mit Luxusbildern unterlegte Umfrage zu dem Thema „Was würden sie mit xxx Millionen machen?“, in der folgende Antworten in variabler Reihenfolge vorkommen: 1. Reisen, 2. Auto kaufen, 3. Yacht kaufen, 4. Insel kaufen, 5. Nicht mehr arbeiten, 6. Freunde beschenken.

Was ich eigentlich sagen will: Reich sein finden wir irgendwie interessant und die Phantasie der eigenen Million ist fast schöner als ..., sagen wir, naja, manche andere halt.

Nun bin ich einem Menschen begegnet, der könnte reisen, Autos kaufen, Yachten kaufen, Inseln kaufen, nie mehr arbeiten und Freunde reich beschenken, und er hätte hinter her sogar noch Geld über für manche andere Phantasie, aber als der Jackpot so vor ihm griffbereit da lag, hat er sich gesagt: "Nee, lass mal, und so arbeitet er weiter in der Fabrik und lebt weiter in Unna".

Nun wäre diese Geschichte an sich schon zu phantastisch, um wahr zu sein. Es gibt aber noch eine zweite, die spielt ganz in der Nähe und die geht so:

Es war einmal ein Schlosser in einem Aluminiumwerk, der wurde von seinen Kollegen gedrängt, Betriebsrat zu werden. Weil er ein gutmütiger, kumpelhafter Typ war, machte er das. Als Betriebsrat saß er mit im Vorstand, und es zeigte sich bald, dass er so gutmütig und kumpelhaft war, dass er auch mit den Bossen eine gemeinsame Ebene fand und lernte, wie man ein Unternehmen führt. Aber dann ging das Werk plötzlich (naja, nicht so ganz plötzlich, aber klingt besser) pleite, und so stand der Betriebsrat mit seinen 250 Kollegen vor dem Aus. Da kam ihm die Idee: Warum das Werk nicht übernehmen? Mit geliehenem Geld kaufte er kurzerhand die Fabrik, in der er selbst fünfzehn Jahre lang gearbeitet hatte. Und er schenkte ein Viertel der Anteile seinen alten 250 Kollegen, so gutmütig und kumpelhaft war er.
Nun hatte der Schlosser also eine Firma, und auf einmal florierte diese und Aufträge kamen aus dem ganzen Land, und das Werk wuchs und wuchs, und nach fünf Jahren wollte der Schlosser endlich aufhören, Fabrikbesitzer zu sein, er wollte sich zur Ruhe setzen, Tiere züchten und Zeit haben für seine Frau. 75 Millionen Euro boten ihm die fremden Männer, aber da bekamen es seine Arbeiter mit der Angst zu tun. Der Schlosser war ein gutmütiger und kumpelhafter Chef gewesen, sagten sie, wer weiß, wie die fremden Männer sind, und sie flehten den Schlosser an und ihre Kinder schrieben herzerweichende Bittbriefe und Politiker sammelten Unterschriften, und da sagte sich der Schlosser: "Nee, lass mal, und wenn er nicht gestorben ist, dann arbeitet er noch heute in Unna".

Solche Märchen schreibt die Soziale Marktwirtschaft. In echt.