Tag 18: Liebesdienste auf Lohnsteuerkarte

Jede Gesellschaft hat ihre Randgruppen. Wie sie mit ihnen umgeht definiert eine Gesellschaft auch. Soziale Stigmatisierung würde in gewisser Weise den Ausschluss aus einer Gemeinschaft bedeuten. In einer Demokratie, wie wir sie haben, geht das nicht. Sie müssen stattdessen in Entscheidungsprozesse mit eingebunden und wie alle anderen geschützt werden. Das trifft auch, oder gerade, auf Sektoren zu, die nicht jeder für schützenswert hält: so wie die Prostitution.

Dieses Berufsfeld hat eine sehr extreme Entwicklung durchgemacht. Mit der Öffnung der Grenzen nach Osten kamen neue Arbeitskräfte nach Deutschland. Die Osteuropäerinnnen haben den Markt regelrecht überschwemmt und die Preise nach unten gedrückt. Kaum einer, der hier alteingesessen in der Brache arbeitet, kann dem Stand halten. Ich denke, diese Entwicklung hat auch bewirkt, dass alle Prostituierten eine neue Form der sozialen Absicherung finden müssen. Meiner Meinung nach muss der Staat sie dabei unterstützen. Grundsätzlich wurde mit der Legalisierung und sozialen Gleichstellung mit anderen Arbeitern durch das Prostituiertengesetz von 2002 ein erster richtiger Schritt gemacht, finde ich.

Bisher betrifft diese Sicherung aber meist leider nur Prostituierte mit deutschem Pass. Ihre Kolleginnen aus Osteuropa hingegen sind nicht oder nur ungenügend in ihrer Heimat versichert und arbeiten hier zumeist an der Steuer vorbei. Das hat zur Folge, dass sie, auch wenn sie heutzutage erfolgreich arbeiten, im Alter keine finanzielle Absicherung haben. Ich frage mich, wie Lösungsmodelle aussehen können, um auch sie in den staatlich geschützten Raum der legalen Arbeit zu bringen. Die Soziale Marktwirtschaft ist doch generell daran interessiert, allen an der Wirtschaft Beteiligten soziale Absicherungen zu bieten. Unsere Gesellschaft muss sich also auch gegen die Illegalität und Stigmatisierung der Sexarbeiterinnen aus dem Osten einsetzen. Schließlich erwirtschaften sie, die mit ca. 60% mehr als die Hälfte der Branche ausmachen, einen Großteil der 14,5 Milliarden Euro, die jährlich in der Prostitution umgesetzt werden. Für mich ist damit offensichtlich, dass sie ein wesentlicher Teil der Marktwirtschaft sind.

24.08.2009 | alma mater

wenn ich das richtig verstanden habe würde es dem staat doch auch nützen, wenn prostituierte sozialversicherungspflichtig wären, oder? die würden dann steuern und abgaben zahlen und zur finanzierung des wackligen sozialsystems beitragen. vom standpunkt der gesellschaftlichen solidarität aus gesehen, haben prostituierte also leider den gleichen status wie beamte - die tragen nämlich auch nichts zur solidarischen finanzierung der sozialsysteme bei. der unterschied ist nur: prostituierte würden das gerne tun, beamte wehren sich mit hand und fuß dagegen. sollte man mal drüber nachdenken.