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Tag 16: Bonn revisited
Ich lebe in Berlin-Mitte: Vom Bett aus sehe ich beim Einschlafen den Fernsehturm, auf dem Weg ins Studio den Reichstag und auf dem Nachhauseweg fahre ich durchs Brandenburger Tor. Ich klingle Touristen am Potsdamer Platz vom Fahrradweg und wundere mich jedes Mal, wenn ich am Paul-Löbe-Haus vorbeifahre, über die Parlamentarier, die sich in dem gläsernen Ungetüm ohne Höhenangst bewegen. Hauptbahnhof und Berliner Ensemble sind einen Steinwurf von meiner Wohnung entfernt und an der Gedenktafel für den ersten Mauertoten, Günter Litfin, komme ich oft vorbei.
Man könnte sagen, ich lebe inmitten der Berliner Republik. Seit vier Jahren wohne ich in dieser Stadt, die ich immer nur als die Hauptstadt Deutschlands kennen gelernt habe, als Metropole, als Mittelpunkt.
Und dann stehen wir auf der Tour plötzlich in Bonn und machen uns auf die Suche nach einem vergangenen Deutschland, nach einem Land vor unserer Zeit. Was ist übrig geblieben von der Bonner Republik?
Im ehemaligen Regierungsviertel weht Helge und mir ein böiger Wind entgegen, der uns feinen Sand von einer Baustelle in die Augen treibt. Auf Englisch verkündet eine Tafel, dass hier UN-Einrichtungen gebaut werden. Wir sehen den ehemaligen Bundestag, den Bundesrat, das Bundeskanzleramt. Gebäude, die aussehen wie meine alte, asbestverseuchte Schule aus den 70ern. Geduckt, un- und uniförmig, schlicht, unprätentiös, klein. Waren die Zeiten auch so, klein und kuschelig und kumpelhaft am Rhein?
Keine Ahnung. Bis ich 19 war, regierte Helmut Kohl. Er war einfach schon immer da, so wie das Bum-Bum-Eis mit Kaugummi-Stiel in meiner Kindheit und Grunge und lange Haare bei Jungs in meiner Jugend. Ich nahm das alles und Helmut Kohl als gegeben, Punkt. Politisch gab es niemanden außer diesen Koloss, der in meiner Wahrnehmung allen Raum einnahm und deshalb den Blick auf das verstellte, was er war und wie er uns repräsentierte. Im Ausland - das merkte ich dann als 16-Jährige während meines Jahres auf Jamaika - stand er für ein Deutschland, das verlässlich, lahm und irgendwie altmodisch war. Die Anderen meinten immer zu wissen, wer und wie wir sind, und Kohl war ein Sinnbild dafür. Deutschland, die kalkulierbare, provinzielle Nation, auf die man sich verlassen kann. Die mit der Bahnsteigkarte, wenn sie auf den Zug der Revolution aufspringen wollen - und sich dann doch nicht trauen.
Dann kamen 1998, Gerhard Schröder, Rot-Grün, der Umzug von Bonn nach Berlin und ein neues Deutschland, das sich entwickelte. Auf meiner ersten Deutschland-Tour, 1999 mit einem jamaikanischen Freund, sah ich die Umzugswagen, die überraschend schnöde das halbe Parlament in Kisten und Laster luden und davonfuhren. Bonn war noch Deutschlands Mittelpunkt, aber viel gespürt habe ich davon nicht (mehr). Eine Stadt, Gebäude, der Plenarsaal, den ich aus dem Fernsehen kannte, das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Mein erster Berlin-Besuch ein paar Tage später ließ mich staunen: weit- und weltläufig erschien mir diese Stadt, spannend und irgendwie neu. Verheißungsvoll eben - was nicht nur mit dem Hauptstadtumzug, sondern auch mit meinem Erwachsenwerden und bevorstehenden, spannenden Studienjahren zu tun hatte, klar.
Seitdem hat sich viel getan in Deutschland. Über Hartz-4-Reformen, das Wir-sind-Papst-und-Bundeskanzlerin-Gehabe lässt sich streiten, aber das ist nur die eine Seite. Die andere ist das neue Deutschland, das wir geworden sind. Die Berliner Republik steht für mich auch für eine neue Weltoffenheit, für ein Nein zum Irak-Krieg, für ein gastfreundliches Land während der WM im Supersommer 2006. Für eine andere Wahrnehmung im Ausland, das uns nun mit anderen Augen sieht: huch, die Deutschen sind ja gar nicht so verschnarcht. Nicht zuletzt die Billigflieger haben uns in die Mitte Europas geholt, und das nicht nur geographisch. Fühlt sich nach „mittendrin statt nur dabei" an, der alte Spruch.
Und nun, hier in Bonn, was ist übrig vom alten Deutschland? Gebäude aus einer anderen Zeit, die jetzt nicht mehr national, sondern global konnotiert sind: Die UN ist eingezogen, der Logistikdienstleister TNT, um die Ecke die Deutsche Welle. Und es gibt Menschen, die das Alte noch kennen und das Neue hinnehmen. So wie der Kioskbetreiber neben dem ehemaligen Bundeskanzleramt, der schon die ganze alte Garde der Bonner Republik mit Bockwurst und Pommes versorgt hat. Helge fragt gleich nach Lieblingsgerichten der beiden Helmuts, also Kohl und Schmidt. An Schmidts kulinarische Ausflüge erinnert er sich nicht, meint der Kioskbetreiber, aber Kohl habe gerne Deftiges gegessen, Hausmannskost wie Käsebrötchen. Brotzeit also statt Döner, Bagels oder Wraps und Kaffee to go. Das gute, alte Deutschland.
Die Bonner Republik, ein Käsebrötchen.

20.08.2009 | jochen peters
mir geht diese berlin-begeisterung leicht auf den keks. bonn, ein käsebrötchen. berlin, das 5-Sterne Menü. vielleicht hatte der sogenannte provonzialismus (hey, in bonn ist auch weltpolitik gemacht worden) etwas gutes, auch wenn er immer belächelt wird. eines zumindest hatte bonn dem neuen berlin voraus: politiker und journalisten haben sich nicht so wichtig genommen. politik und politischer journalismus heute: geschlagener eierschaum.