Tag 15: Mein kleiner Katechismus

„Nun jedoch steigt mit der in Großbritanniens Finanzsektor langsam einsetzenden Wiederbelebung auch der für ausgestorben gehaltene Karriere-Tiger zu neuer Blüte auf. ‚Vorsicht vor fliegenden Sektkorken: die Yuppies sind zurück’, warnte der ‚Independent’ ... ‚Den Leuten werden zum Teil die dreifachen Gehälter angeboten.’“
Das hab ich bei einem Praktikum in London am 26. Oktober 1993 für die Berliner Zeitung geschrieben. Damals war offenbar gerade mal wieder eine Krise der internationalen Kapitalmärkte vorbei, seither sind diverse Male irgendwelche Blasen geplatzt, und immer wieder gab es Katzenjammer und volkswirtschaftlichen Schaden (beides groß, na klar) und immer wieder gelobten alle Beteiligten Besserung (radikale Schnitte, wie üblich) und immer wieder bildete sich sehr schnell eine neue Blase. Offenbar hat unser System eine gewisse Prädisposition für diese Art von Krankheit.
Okay, ich will nicht behaupten, ich hätte eine Lösung. Aber ich hab so ein Plakat an der Innenseite meiner Haustür, das schleppe ich mit mir seit Jahrzehnten bei jedem Umzug (doch, doch, ich bin so alt!) von Wohnung zu Wohnung, keine Ahnung warum. Ich fand es irgendwann mal schick, weil es in der 50er-Jahre-Typographie und im postkapitalistischen Inhalt so absurd unzeitgemäß war, dass ich es schon wieder schick fand. Darauf steht:
Katholische Glaubens-Information 315:
Die Wurzel aller Übel ist die Jagd nach dem Geld.
Leb einfacher und sinnvoller!
Vielleicht hat es über all die Jahre, die ich nun schon täglich daran vorbei gucke, auf mich unterbewusst eine Wirkung gehabt. Große Autos, teure Reisen, goldene Armbanduhren jedenfalls haben mich irgendwie nie in ihren Bann geschlagen. Ich glaube, dass ich mir einen anderen Luxus gönne: Ich mache einen Job, zu dem ich Lust habe, und ich kann es mir, wenn es mal drauf ankommen sollte leisten, auf meiner Karrierebahn schmalspurig zu bleiben, wenn das der Preis der Freiheit zum Nichtverbiegen und Schwierigbleiben ist. Amen.
Was hat das mit der Sozialen Marktwirtschaft zu tun? Irgendwie kann sie doch nur überleben durch so altmodische Werte wie Moral und Mäßigung. Wenn jedes Mitglieder der Gesellschaft bedingungslos versucht, den größtmöglichen Profit heraus zu schlagen – durch Steuersparmodelle in Lichtenstein, durch Erschleichung von Sozialleistungen, durch offensichtlich kurzsichtige Geldgeschenke vor Bundestagswahlen, durch maximale Abfindungen trotz schlechter Leistung, etc. etc. – dann muss die Soziale Markwirtschaft scheitern. Denn sie ist der Versuch, unsere animalische Gier nicht zu verleugnen, aber sie so zu kanalisieren, dass sie trotzdem menschenwürdiges Leben miteinander möglich macht (vielleicht genau so, wie die repräsentative Demokratie der Versuch ist, unseren rudeltierischen Hunger nach Macht und Selbstbestimmung vereinbar zu machen mit dem Gemeinwohl). Aber in regelmäßigen Abständen scheint das Tier auszubrechen, dann müssen die Dompteure im Namen der Zivilisation ausrücken, um es wieder zu bändigen.
Und wer jetzt glaubt, das sei bloße Zoologenmetaphorik, dem sei „Let’s make Money“ empfohlen, in dem ein Private Equity Fonds Manager sagt:
„Nach der Weltwirtschaftkrise wurden ganz neue Spielregeln für Banken eingeführt, es war das gesamte Bankwesen relativ stark reguliert, und es war deswegen reguliert, weil man so eine Krise wie die Weltwirtschaftskrise vermeiden wollte. In den letzten Jahren hat sich aber eine Denkrichtung durchgesetzt, die sagt, wir brauchen gar nichts regulieren, der Markt reguliert alles. Das heißt, die staatlichen Aufsichtsbehören haben toleriert, dass es für das Finanzsystem de facto keinerlei Vorschriften mehr gibt. Das ist eben alles vollständig liberalisiert worden. Diese Art der Finanzindustrie, die wir heute haben, die ist vollkommen sinnlos und gegen die Menschen gerichtet.“
Vielleicht haben wir - benebelt vom Begriff „Freiheit“ - unsere Aufsichtspflicht über die Gier verletzt. Wenn jetzt die Banken mit Staatsmilliarden gerettet und die Kosten für vom Steuerzahler getragen werden, dann rutscht die Soziale Marktwirtschaft in eine Sinnkrise. Sollte es der Staat aber versäumen, der Gier im Bankensystem das Zaumzeug anzulegen, dann muss man sich leider die unangenehme Grundfrage stellen: ist das nicht eine Bankrotterklärung der ganzen Sozialen Marktwirtschaft, wenn die Gemeinschaft derart maßlos von einzelnen ausgebeutet wird.
Der Banker in unserem Film sagt zum Ende, "es wird alles immer so weiter gehen wie bisher". Ich hoffe für die Soziale Marktwirtschaft sehr, dass er irrt!

26.10.2009 | Axel Dörken

Hut ab, Helge! Gut getönt.

DEN Lösungsweg gibt es nicht. Wahrscheinlich gibt es den nie.
doch wie wäre es damit, wenn wir uns die Natur zum vorbild nähmen und uns an natürlichen Prinzipien ausrichten würden?

"Zinsen" und "girales Geld" sind zwei systemsiche Fehler unseres Finanzsystems. Ersteres zumindest dann, so lange du weniger als ca. 240.000,00 € dein eigen nennst. Denn bis zu diesem Ver-mögen, also nicht machen sondern sparen (ein weiteres Pro-blem des Systems) ist jeder Verlierer im Zinssystem.

Das Zinssystem überhaupt ist der Art, dass immer mindestens einer verlieren muss. Ganz einfach deswegen, weil Zinsen gefordert, aber die Geldmenge nicht um die zu zahlenden Zinsen erhöht wird.

Wer tiefer einsteigen will in dieses Thema:
http://www.dailymotion.com/video/x7ospj_profbernd-senf-weltfinanzkrise-3-no_news

Lösungen gibt es viele. auch für dieses Thema:
http://www.inwo.de/modules.php?op=modload&name=PostKart&file=index&req=receipt&ON=474&KID=2009081117574384.61.177.60

Oder auch politisch hier:
http://grundeinkommen-weil-wir-es-wert-sind.de.tl/

und hier:
http://www.mehr-demokratie.de/

Liebe Grüße