Tag 10: Walter Eucken und die Kiwi des Südens

19 Jahre meines Lebens habe ich in Freiburg verbracht, dieser Kiwi aus dem Süden: politisch ziemlich grün (Bioläden und -leben, Solarkraft, grüner Bürgermeister, Fahrräder, wohin das Auge schaut), aber mit deutlichen schwarzen Einsprengseln, die sich hartnäckig in den Zähnen halten. 'S Ländle isch halt so - liberal und konservativ, weltoffen und wertetreu. Dass wurde mir spätestens klar, als ich zum Studium wegzog - anderes aber nicht.

Ich bin in Freiburg aufgewachsen, hatte aber bis zu unserer Deutschlandtour keine Ahnung, dass es Walter Eucken und den Freiburger Kreis in meiner Heimatstadt gab. Der Wirtschaftswissenschaftler und seine Lehren gehören nicht zur Stadtgeschichte. Kein Freiburger lebt mit der Erinnerung an ihn, kein Stadtführer erwähnt ihn beim Rundgang durch die mittelalterliche Innenstadt. Die Universität und Martin Heidegger, Bächle, Münster, SC Freiburg und Volker Finke - ja, Walter Eucken - who's that? An das Wirtschaftsgymnasium, das nach ihm benannt ist, erinnert sich der ein oder andere. Der Mensch dahinter bleibt aber verborgen.

Dementsprechend schwierig fand ich es, auf seinen Spuren durch die Stadt zu wandeln. Wie kommt man einem Menschen nahe, der als Klassiker in die Bücher eingegangen ist, dem man heute ein Institut widmet, der u.a. in der fernen Nazi-Zeit gewirkt hat und der noch dazu tot ist? Stadtarchiv, Bücher, Instituts- und Friedhofsbesuch halfen da nur wenig weiter. Wir fanden Geschichte, aber keine Geschichten, Puzzlestücke, Orte, die mit ihm in Verbindung stehen und Porträts eines streng dreinblickenden Mannes mit runder Brille.
Einen lebendigen, menschlichen Walter Eucken fanden wir nicht.

Mein Fazit: Wenn die Erinnerung an ein Kind der Stadt nicht im Alltag und im Selbstverständnis eines Ortes wach gehalten wird, dann taugt sie nichts. Dann bleibt sie konstruierte Anekdote oder eine Fußnote der Geschichte. Sorry, Walter!

Eine Freiburgerin