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Tag 10: Walter E. verzweifelt gesucht
Der zehnte Tag der Tour, und schon fällt auf, dass wir an unsere Grenze kommen, was die Organisation angeht. Ständig droht etwas ganz Wichtiges vergessen zu werden, und so sieht es im Wohnmobil schon aus, wie zu Hause: überall kleine gelbe Klebezettelchen an Orten, wo wir hoffen, ihnen später wieder zu begegnen. Am Zahnputzbecher ein „Interview für Fr. verschieben“, am Rückspiegel „UMTS-Stick Guthaben aufladen!!“ und am Griff für die Besteckschublade „Blogeintrag schreiben!“.
Aber unser gesellschaftliches Gedächtnis ist ja kaum zuverlässiger. Deshalb stehen überall Denkmale rum, werden Straßen und Flughäfen nach Verstorbenen benannt, zwingt uns die Post, gewichtigen Ehrwürdenträgerdingens den Hinterkopf zu lecken: Sie druckt ein paar Millionen Briefmarken mit dem Bildnis des auf keinen Fall zu vergessenen Irgendwas, und wir schicken uns diese Erinnerungsmahnung millionenfach durchs Land. Und immer wieder geht im Alltag unser Blick über Denkmale, Straßennamen, Postwertzeichen, und wir erinnern uns des Irgendwas’, dessen wir aus einem bestimmten Grund gedenken sollten, wir haben nur gerade vergessen: warum noch mal?
Aufgabe 24/30: kleine gelben Zettel abhängen und das lange verschüttete Irgendwas wieder freilegen. Heute: Walter Eucken. Okay, okay, ich gebe zu, als wir überlegten, was für Themen auf unserer Reise zu behandeln wären, war ich nicht gleich Feuer und Flamme für Walter E. Ich dachte, ein staubiger Neoliberaler und Hayek-Freund, na gut, muss man sich wohl auseinandersetzen mit, wenn es um die Soziale Marktwirtschaft geht, immerhin gilt er als ihr Begründer.
Aber mit jeder Staubschicht, die wir abtrugen, wurde immer mehr Mensch erkennbar. Mal ein Ehemann, den das Unrecht an seiner Frau aufbringt. Mal ein Professor, der die Welt über seine Theorien vergisst. Mal ein Vater, der im Arbeitszimmer eine Schaukel baut, damit er seine Tochter mal wieder zu Gesicht bekommt. Zumindest muss man ihm das eine lassen: er hat geglaubt an das, was er predigte. Und er war bereit, für diese Überzeugungen einzustehen und Nachteile in Kauf zu nehmen, ja sogar sein Leben zu riskieren. Und mit jedem Tag unserer Tour durch dieses Land wird mir immer, immer deutlicher, dass es genau das ist, was es in unserer Gesellschaft mehr braucht: Menschen mit graden Rückgrat und erhobenem Haupt!
Und plötzlich fällt einem wieder ein, warum man sich erinnern wollte: Weil diese auf Briefmarken abgeschobenen Herren uns ja doch irgendwie wirklich was zu sagen haben für unser Leben heute.
